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Der Weltagrarbericht: Globale Agrarwende

...hin zu kleinbäuerlicher und ökologischer Landwirtschaft. „Landwirtschaft am Scheideweg“ lautet der Titel des Weltagrarberichtes. Seine Kern­aussage: Wir brauchen eine ökologische (R)evolution der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion. Das umfassende Werk zielt auf zukunftsfähige Land­nutzung: Ökologische Anbaumethoden, kleinbäuerliche Strukturen, regionale Ver­marktung und praxisorientierte Schwer­­punkte in Forschung und Politik.mais_nl_400x300

Beginnend vor ca. 100 Jahren konnten durch Einsatz von Maschinen und Agrochemie immer mehr natürliche Lebensräume so gravierend umgestaltet und ausgebeutet werden, dass die Folgen davon zu Menschheitsproblemen geworden sind. Die industrialisierte Land­wirtschaft produziert in durchrationalisierten Monokulturen aus wenigen Hochleistungssorten riesige Mengen und erzeugt daraus in aufwändigen industriellen Verarbeitungsverfahren Nahrungsmittel, die wesentlich zur Über- und Fehlernährung in den Industrieländern beitragen. Sie fordert auch einen hohen ökologischen Preis: Gewaltige Mengen an Pestiziden und Kunstdünger, ausgelaugte Böden, Entwaldung, Artensterben und weitere negative Umweltauswirkungen. In Zeiten des Klimawandels und schwindender Ölreserven erweist sie sich zunehmend als Sackgasse. Trotz Überproduktion ist das industrielle Modell globalisierter Landwirtschaft nicht in der Lage, das Grundbedürfnis von Milliarden Menschen nach Nahrung zu erfüllen. Der Bericht stellt klar, dass die vermeintliche Überlegenheit der Agro-Industriellen Produktion, auch im Hinblick auf die wachsende Weltbevölkerung und ihre Ernährung, nicht besteht. Auch die Gentechnik birgt mehr Probleme als Lösungen, da ihre Risiken nicht abschätzbar sind und zudem weiterhin steigende Mengen an Agrochemikalien nötig wären. Hinzu käme die Abhängigkeit von den Anbieter-Konzernen, denn Anbau wäre nur mit Lizenz möglich.

Daher lauten die Kernforderungen des Weltagrarberichts:

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- Ökologischer Landbau ist eine Notwendigkeit, um die Nahrungsmittelproduktion nachhaltig zu sichern und kein Luxus für die Reichen. Landbewirtschaftung nach den Prinzipien des Öko-Landbaus erbringt wegweisend und quasi nebenbei Ökosystemleistungen wie Artenschutz, Landschafts­pflege, Gewässer- und Boden­schutz. Angepasste lokale Sorten liefern bei guten Anbau­methoden ähnliche Erträge wie die hochgezüchteten. Mit Öko-Landbau lässt sich die Produktion in manchen Gebieten massiv steigern. Kompostwirtschaft, Gründüngung, angepasste Fruchtfolgen und Erosionsschutz erhöhen die Bodenfruchtbarkeit. Unkraut­problemen und Schädlingen wird möglichst vorgebeugt; wenn Pflanzenschutzmaßnahmen nötig werden, dann erfolgen sie biologisch. Forschungsbedarf besteht noch beim biologischen Pflanzenschutz und Vorratsschutz.

- Weltweit ernähren 500 Millionen Kleinbauern den größten Teil der Menschheit. In kleinen, diversifizierten Bauernhöfen ist die Produktivität pro Fläche und Energieverbrauch höher als in intensiven Bewirtschaftungssystemen. Sie können sich besser den Anforderungen ihrer Standorte anpassen und mehr Existenzen auf dem Land sichern, weil sie arbeitsintensiver sind. Ihre Förderung – verbunden mit Respekt vor traditionellem und lokalem Wissen – zusammen mit Erkenntnissen und Methoden moderner Wissenschaft ist nötig, denn Kleinbauern können den bei wachsender Weltbevölkerung steigenden Nahrungsmittelbedarf sichern.

- Fairer Handel: Nur wer seine Produkte zu einem auskömmlichen Preis verkaufen kann, wird mehr produzieren als seine Dorfgemeinschaft verbraucht. Die Einnahmen aus Fairem Handel stellen für die Kleinbauern einen entscheidenden Grundpfeiler dar, einerseits für ihre Ernährungssicherheit aber auch für langfristige Investitionen in die Landwirtschaft. Hierdurch wird es möglich, zukunftsfähige Anbaumethoden einzuführen und Ertragssteigerungen zu erzielen.

- In den meisten Ländern des Südens tragen Frauen die Hauptverantwortung für die Versorgung ihrer Familien und stellen den größten Teil der landwirtschaftlichen Arbeitskraft. Doch sie sind vielfach benachteiligt. Ihr Recht auf eigenen Besitz und andere Ressourcen ist nach wie vor beschränkt. Ein eigenes Bankkonto oder ein eigener Kredit liegen außer Reichweite, wie auch der Zugang zu Bildung, Information und politischer Mitwirkung. Hier sieht der Weltagrar­bericht ein großes Innovations­potenzial: Wo Frauen handlungsfähig werden, steigen die Chancen, Hunger und Verelendung zu überwinden überproportional an.

„Die gute Nachricht ist: Mit angepasster Anbautechnik, praxisorientierter Forschung und dem bestehenden Wissen der Bauernfamilien können wir Wege aus der Krise finden", fasst Hans Herren, Ko-Präsident des Weltlandwirtschaftsrates die an­stehenden Aufgaben zusammen.

Hintergrund

Landwirtschaft ist die Erwerbs- und Existenzgrundlage von rund 2,6 Milliarden Menschen, der größte Beschäftigungszweig der Welt und entscheidender Wirtschaftsfaktor vieler Entwicklungsländer.

Vor diesem Hintergrund initiierten im Jahre 2003 die Weltbank und die Vereinten Nationen einen bemerkenswerten internationalen Prozess, der als Weltagrarbericht bekannt wurde und mit vollem Namen „International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development“, kurz IAASTD heißt. Über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Kontinente und Fachrichtungen haben vier Jahre lang zusammengearbeitet, um folgende Frage zu beantworten: Wie können wir durch die Schaffung, Verbreitung und Nutzung von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung und Technologie Hunger und Armut verringern, ländliche Existenzen verbessern und gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung fördern? Als die Endfassung Anfang 2008 vorlag, entschieden sich die Firma Syngenta (Pflanzenschutzmittel) und die internationale Agrar­industrie­vereinigung CropLife, in letzter Minute aus dem Prozess auszusteigen. Die Regierungen der USA, Kanadas und Australiens unterzeichneten auf dem Abschluss-Plenum in Johannesburg im April 2008 den Bericht nicht, auch wenn sie ihn als „wertvollen und wichtigen Beitrag” würdigten. Ein wesentliches Motiv war in beiden Fällen die kritische Bewertung der Gentechnik, der industriellen Landwirtschaft und des Weltagrarhandels. Der Qualität des Berichtes selbst tun diese späten Rückzieher keinen Abbruch. Sie erschweren allerdings seine Verbreitung und Akzeptanz in manchen Regierungs-, Wirtschafts- und Wissenschaftskreisen. So hat auch die deutsche Bundes­regierung den Bericht bisher nicht anerkannt.

Mehr Informationen unter: www.weltagrarbericht.de

Auf selbiger Seite gibt es auch die Zusammenfassung des Weltagrarberichtes mit wichtigen Hintergrundinformationen, Grafiken und Bildern zum Thema Welternährung. Hier geht's zum Download:

Wege aus der Hungerkrise

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